„Wasser ist Poesie für meine Seele“
Erstveröffentlichung am 27. Juli 2026
Fotografisches Lebenswerk im Zeichen der Natur
Seit 36 Jahren fängt Bernd Ritschel die Magie der Alpen in eindrucksvollen Bildern ein. Doch zu keiner Region pflegt der bekannte Berg- und Naturfotograf eine so innige Beziehung wie zum Ötztal. Anlässlich seiner neuen Open-Air-Ausstellung „Ötztaler Bergwasser“ bei der Bergsteigerkapelle in Vent spricht der achtsame Beobachter über Erinnerungen aus Kindheitstagen, die Entstehung neuer Gletscherseen und die Kunst, stille Räume im Tal zu bewahren.
Mehr als 40 Bergseen hat der bayerische Lichtbildner in den vergangenen Jahren mit Kamera, Stativ und viel Geduld aufgesucht. Seine unmanipulierten Aufnahmen zeigen die Natur unverfälscht. Genau so, wie sie sich im Augenblick des Auslösens offenbart. Für Gerhard Moser, Ortsausschussobmann Sölden und Gastgeber in Vent, gilt Ritschel als profunder Ötztal-Insider: „Er kennt die verstecktesten Winkel der Ötztaler Alpen wie kaum ein anderer und begegnet unserer Natur und Kulturlandschaft seit Jahrzehnten mit großem Respekt. Seine Ausstellung in Vent zeigt nicht nur die Erhabenheit unseres Wassers, sondern erinnert uns auch daran, wie wertvoll und schützenswert dieser Lebensraum ist.“
Im Gespräch mit Bernd Ritschel
ÖTZTAL BLICK: Bernd, deine Verbindung zum Ötztal reicht bis in deine Kindheit zurück, als du regelmäßig Urlaub in Längenfeld gemacht hast. Was hat das Tal damals in dir ausgelöst?
Bernd Ritschel: Ich erinnere mich lebhaft an die Tage, an denen wir Lausbuben kurz vor dem Abendessen mit dem kühlen Brunnenwasser beim Hotel Hirschen gespielt haben. Diese Bilder habe ich bis heute vor Augen. Dazu kommen all die Wanderungen mit meinen Eltern. Tief hinein in die Seitentäler, zu den Bächen und Wasserfällen. Diese frühen Erlebnisse haben eine tiefe Wurzel geschlagen.
„Das Ötztaler Bergwasser ist ein einzigartiges Geschenk.“
ÖTZTAL BLICK: Deine aktuelle Ausstellung in Vent widmet sich dem „Ötztaler Bergwasser“. Du hast über 40 der hiesigen Seen besucht. Was macht das Element Wasser hier für dich so besonders?
Bernd Ritschel: Das Wasser war die logische Fortsetzung meiner Arbeit, nachdem ich über Jahre hinweg die Gletscher fotografiert habe. Über dieses Projekt habe ich noch einmal ganz neue Ecken des Ötztals kennengelernt. Ein faszinierender Aspekt dabei: Durch den Gletscherrückgang sind in Mulden, wo früher Eis lag, ganz neue Bergseen entstanden. Allein in den letzten zwei bis drei Jahren stand ich an über einem Dutzend Seen, die vorher gar nicht existierten und noch nicht einmal einen Namen tragen. Das frische Bergwasser im Ötztal ist ein einzigartiges Geschenk. Und das immer noch in einer Menge und Qualität, die überragend ist. Vor allem, wenn wir in den Nachrichten sehen, was in anderen Regionen rund um die Alpen los ist, welcher Wassermangel dort herrscht und welches Extremwetter gleichzeitig wieder für Hochwasser sorgt.
„In Vent stimmt die Synergie“
ÖTZTAL BLICK: Vent hat sich als Bergsteigerdorf ganz bewusst einer sanften, naturnahen Entwicklung verschrieben. Wie wichtig sind solche Rückzugsorte im Tal?
Bernd Ritschel: Ich finde den Weg von Vent großartig. Hier stehen das Bettenangebot und die Möglichkeiten der Natur in einer perfekten Synergie. Das ist stimmig. Ein achtsamer Ausbau oder das Erneuern einer Seilbahn ist wunderbar. Aber drei riesige neue Hotelkomplexe wären hier völlig fehl am Platz. Sie würden die Seele des Dorfes zerstören.
„Kulturelle Identität gilt es zu schützen“
ÖTZTAL BLICK: Du begleitest die Entwicklung des Ötztals seit Jahrzehnten als achtsamer Freund. Wie nimmst du die Balance zwischen touristischem Fortschritt und dörflicher Identität wahr?
Bernd Ritschel: Die kulturelle und dörfliche Identität ist unheimlich wertvoll. Sie sollte geachtet, geschützt und gepflegt werden. Wenn man durch das Tal fährt, sieht man naturgemäß viele Baustellen und touristische Infrastruktur. Wir erreichen jedoch punktuell die Grenzen des Wachstums. Mein Rat wäre, die Orte und Täler, die sich ruhiger definieren, auch genauso zu belassen. Die stillen Seitentäler, Grate und Kämme sollen naturnah bleiben. Natürlich wird in den massentouristischen Zentren weiterhin optimiert werden. Wir brauchen die Biodiversität der Natur. Ohne Wasser und ohne Luft gibt es kein Leben, das sollte mittlerweile allen klar sein.
„Achtsame Generation am Heranwachsen“
ÖTZTAL BLICK: Was wünschst du der nächsten Generation im Ötztal für den Umgang mit diesem Naturraum?
Bernd Ritschel: Wenn ich auf meine Tochter blicke, sehe ich eine junge Generation heranreifen, die unglaublich achtsam und ökologisch denkt. Sie bringt eine frische Wahrnehmung mit. Ich wünsche der Jugend im Ötztal, dass sie sich diese Achtsamkeit bewahrt und sich immer wieder die Zeit nimmt, die Schönheit der eigenen Heimat ganz ohne Hektik zu genießen.
Outdoor-Ausstellung von Bernd Ritschel in Vent
- Titel: „Ötztaler Bergwasser – Bergseen, Wasserfälle, Flüsse, Eis und Schneekristalle“
- Ort: Open-Air-Galerie bei der Bergsteigerkapelle in Vent
- Eintritt: Frei zugänglich