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„Kunst muss das Leben anderer bereichern“

Erstveröffentlichung am 30. August 2026

Hannah Philomena Scheiber im Gespräch

Von Obergurgl über Florenz und New York zurück in die Ötztaler Berge: Sie ist die erste akademische Künstlerin aus dem Ötztal und hat mit ihrem charakteristischen Ultramarinblau eine ganz eigene Bildsprache gefunden. Im Interview spricht Hannah Philomena Scheiber darüber, wie es dazu kam, wieso ihr Auftragsarbeiten am liebsten sind und warum Kunst auch Marketing braucht.

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ÖTZTAL BLICK: Hannah, du bist in Obergurgl aufgewachsen und heute in Telfs zuhause. Was verbindet dich mit dem Ötztal und inwiefern hat es dich geprägt?

Hannah Philomena Scheiber: Natürlich meine Eltern. Außerdem habe ich nach wie vor ein Atelier in Gurgl. Darüber hinaus stammen viele meine Geschäftspartner:innen aus dem Tal und nicht zuletzt auch die Gäste. Als Skilehrerin habe ich früher zahlreiche Kontakte geknüpft. Meine ersten Bilder habe ich ebenfalls an Tourist:innen verkauft, nachdem ich die Möglichkeit erhielt, in Hotels auszustellen.

 

ÖTZTAL BLICK: Was hast du aus deiner Zeit in Wien, Florenz und New York mitgenommen?

Hannah Philomena Scheiber: Ich bin die erste akademische Künstlerin, die aus dem Ötztal stammt. Nur zu sagen, dass ich gerne male, war mir zu wenig. Da mir Bildung sehr wichtig ist, wollte ich so viele Eindrücke wie möglich sammeln und von den Besten lernen. In der Malerei sind das die Künstler:innen in Florenz, in New York habe ich sehr viel über die Vermarktung von Kunst gelernt. Da sind die Amerikaner:innen viel weiter, bei uns ist die Zeit noch nicht so weit. Allerdings ist der Markt im Umbruch. Durch Corona hat sich zwangsläufig ergeben, dass Künstler:innen sich selbst präsentieren.

 

ÖTZTAL BLICK: Gab es einen Moment, wo klar war: Ich muss zurück in die (Ötztaler) Berge, um meine eigene Sprache zu finden?

Hannah Philomena Scheiber: Ich bin einfach kein Stadtmensch, und für mich ist es nach wie vor das größte Privileg und das größte Geschenk dort leben und arbeiten zu dürfen, wo andere Urlaub machen. Das Ötztal ist für mich Erdung und Inspiration zugleich.

Die Geschichte hinter dem satten Blauton

ÖTZTAL BLICK: Deine Bilder sind fast immer in Ultramarin gehalten. Was bedeutet dir diese Farbe und wie hat es sich ergeben, dass du dich darauf und auf deine ikonischen Motive konzentrierst?

Hannah Philomena Scheiber: In Florenz bin ich in die Geschichte der Farben eingetaucht und dabei der Familie Zecchi begegnet, die seit sechs Generationen Pigmente herstellt. Dass das Pigment aus Afghanistan – „ultra mare“, über das Meer – in die europäischen Werkstätten geschickt wurde und damals wertvoller als Gold war, hat mich sehr fasziniert. Ebenso, dass in der Ikonografie die Marienmäntel immer einen gewissen Anteil dieses Blaus enthalten mussten. Ich habe das auf die „Mutter Natur“ übertragen.

Ein weiterer Aha-Moment war, als mein damaliger Professor in Florenz mich darauf hinwies, dass die Motive meiner Trachtenstoffe, die ich früher gemalt habe, wie Landschaften aussehen. Die Landschaftsmalerei war früher sehr negativ behaftet, gerade wenn man an den Nationalsozialismus denkt. Auf der Biennale dachte ich mir dann, dass die Zeit reif für eine neue Interpretation ist. Immerhin hatte ich den Gletscher auch vor dem Wohnzimmerfenster im Blick. Dass die Ötztaler Alpen selbst in der englischen Landschaftsmalerei eine wichtige Rolle spielten – Landschaftsmaler wie Edward Compton reisten extra nach Obergurgl, um die Berge zu Werbezwecken künstlerisch festzuhalten – hat mich als Gurglerin zudem gereizt, das ebenfalls festzuhalten.

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„Ein Produkt ist austauschbar“

ÖTZTAL BLICK: Du zählst zu den jungen Künstler:innen aus dem Ötztal, die von ihrer Arbeit leben können. Ist die Erkenntnis schon früh gereift, dass gute Kunst allein nicht ausreicht und man sich auch entsprechend vermarkten muss? 

Hannah Philomena Scheiber: Ein Produkt ist austauschbar. Man muss sich überlegen, was man der Gesellschaft geben kann, das sie noch nicht hat, das sie bereichert. Aber es muss stimmig sein, sonst bringt es niemandem etwas.

Jene, die es in der Kunst ins kollektive Gedächtnis geschafft haben, waren eigentlich allesamt Marketinggenies. Dr. Peter Stöckl, mein Professor an der Universität für angewandte Kunst, der übrigens auch aus dem Ötztal stammt, hat gleich in der ersten Vorlesung mit einem Satz inspiriert: „Try to enrich other people's lives instead of just trying to sell them something.“

Natürlich muss sich Kunst auch verkaufen, aber eigentlich zählt der Mehrwert.

 

ÖTZTAL BLICK: Wie wichtig ist die Präsenz auf Social Media? Was funktioniert für dich, was nicht?

Hannah Philomena Scheiber: Ich befasse mich wissenschaftlich sehr intensiv mit authentischer Selbstinszenierung von Künstler:innen, speziell in der Renaissance. Das hat mich geprägt. Gerade über Social Media verfüge ich über die Möglichkeit, selbst zu steuern, wie ich wahrgenommen werde. Damit möchte ich die Kunstwelt, die oft sehr undurchsichtig ist, greifbarer machen. Man darf nicht vergessen, dass sich laut Statistik nur drei Prozent der Gesellschaft für Kunst interessieren, und davon ist nur die Hälfte investitionswillig und -fähig. Ich möchte mehr Menschen dafür begeistern.

Kunst im öffentlichen Raum

ÖTZTAL BLICK: Deine Werke sind nicht nur in Galerien zu bewundern, sondern teilweise im öffentlichen Raum. Etwa bei Intersport Glanzer in Längenfeld oder im Restaurant Feline in Oetz. Wie entstehen diese Auftragsarbeiten?

Hannah Philomena Scheiber: Auftragsarbeiten sind mir am liebsten, weil sie für mich sinnstiftend sind. Mein erstes Projekt im öffentlichen Raum war bei Intersport Glanzer, und es war sehr schön zu sehen, wie sich die Menschen damit auseinandersetzen.

Mit David Glanzer habe ich mittlerweile mehrere Projekte umgesetzt. Von der Fassade bis zu einem Claim.

Für das aktuelle Projekt, ein Mosaik des Nederkogls im neuen Glanzer-Office im Gewerbegebiet Sölden, habe ich handgemachte Fliesen aus Portugal verarbeitet. Die Zusammenarbeit mit David ist sehr angenehm, er vertraut mir und lässt mich einfach werken.

Wir sind immer auf der Suche nach dem Besonderen, das gleichzeitig zur Region passt. So sind wir auf Hannah Philomena Scheiber und ihre Bilder gestoßen. Als erstes Projekt hat sie die Fassade unserer Filiale in Längenfeld gestaltet und dem Shop damit einen ganz eigenen Spirit verliehen. Seitdem haben wir viele weitere Projekte mit ihr umgesetzt, sowohl für unsere Geschäfte als auch für unsere Unterkünfte. Das aktuelle Werk, ein Mosaik des Nederkogls in unserem neuen Office in Sölden, freut mich ganz besonders. Denn Kunst macht die Welt ein bisschen schöner. Und genau darum geht es mir: eine Balance zwischen echter Schönheit und rein plakativer Werbung zu finden.

David Glanzer, Intersport Glanzer

ÖTZTAL BLICK: Was bedeutet es dir, deine Kunst in deiner Heimat zu präsentieren?

Hannah Philomena Scheiber: Es ist sehr schön für mich zu erleben, dass ich damit vielen eine Freude bereite. Von Fachleuten der Kunstszene anerkannt zu werden, ist das eine. Dass aber Menschen, die sonst nichts mit Kunst zu tun haben, sie anerkennen, ist für mich besonders erfüllend.

Gurgl, Kunst, Gurgl Carat

Spannungsfeld mit Potenzial

ÖTZTAL BLICK: Als Kuratorin der Alpinen ARTzeit im Gurgl Carat bringst du Kunst mitten ins touristische Geschehen. Siehst du das als Chance, dass sich beide Bereiche gegenseitig bereichern, oder bleibt das eher ein Spannungsfeld?

Hannah Philomena Scheiber: Es ist definitiv ein Spannungsfeld, und nicht leicht, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Ich wünsche mir, dass das Gurgl Carat noch besser genutzt und stärker subventioniert wird, damit hochwertige Kunst gefördert wird. Natürlich kann man darüber streiten, ob sich das monetär rechnet, aber es gibt sehr viel Potenzial. Die Räumlichkeiten wären vorhanden, das Klientel ebenso. Sport wird im Ötztal immer zentral bleiben, aber da darf und soll sich im Hinblick auf Kunst noch viel tun.

 

ÖTZTAL BLICK: Wenn du ein Bild für das Ötztal von morgen malen müsstest, was wäre darauf zu sehen?

Hannah Philomena Scheiber: Für mich wäre das ein Ötztal, das seine Geschichte und seine authentischen Werte ganz selbstverständlich mit in die Zukunft nimmt. Wir verfügen über einen unglaublich wertvollen historischen Schatz, den man noch stärker touristisch nutzen könnte. Ein großer Traum von mir wäre einmal eine Gerhard-Richter-Ausstellung im Gurgl Carat, und dass hochwertige zeitgenössische Kunst im Ötztal ein Anker, ein wichtiger Imageträger und ein kollektiver Leuchtturm unserer Gesellschaft wird.

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