Schafe sind ein wahrer Segen
Erstveröffentlichung am 03. August 2026
Von der gepflegten Kulturlandschaft bis zur regionalen Kulinarik
Im Almsommer grasen die Schafe bis hinauf in die Gletscherregion. Ihr Beitrag zur Landschaftspflege dient auch dem Schutz vor Naturgefahren sowie der Förderung von Biodiversität. Nicht zuletzt ist die alpine Kulturlandschaft eine Augenweide und ein hochgeschätzter Erlebnisraum für Einheimische wie Gäste. Hinzu kommen die hochwertigen Schafprodukte, ob als traditionelle Handarbeit oder kulinarischer Genuss. Bezüglich all dem ist das Ötztal ein Paradebeispiel.
Schon vor rund 6.000 Jahren wurden die Hochweiden im hinteren Ötztal mit Schafen bewirtschaftet. Die Transhumanz – die Wanderweidewirtschaft zwischen dem Ötztal und Südtirol – zählt heute zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe.
Die Schafe halten die weiten Almflächen offen und prägen damit das Landschaftsbild. Weidende Tiere auf den Almen sind für viele geradezu ein Sinnbild für Alpenidylle.
Über diesen Eindruck hinaus sind die Schafe von unschätzbarem Wert für den Erhalt der Kulturlandschaft. Offene, gepflegte Almflächen prägen das Landschaftsbild des Ötztals. Sie sind die Grundlage für das Wandern mit weiten Ausblicken – ein Erlebnis, das viele Gäste im Tal suchen. Gefragt sind zudem die Schafprodukte aus dem Tal, in der Küche wie im Handwerk.
Was die Beweidung für die Landschaft bedeutet
„Wenn die Steilhänge und hoch gelegenen Almen nicht mehr von den Schafen abgefressen würden, hätte das massive Auswirkungen“, unterstreicht Thomas Griesser aus Umhausen. Der leidenschaftliche Viehzüchter hält u. a. rund 100 Schafe auf seinem Hof und ist Obmann der „Schaf- und Ziegenzucht Tirol eGen“. Wie er erklärt, verhindert das Beweiden mit Schafen nicht nur das Verbuschen von Flächen, die auf andere Art gar nicht bewirtschaftet werden könnten. Durch das Grasen sowie die Tritte der Kleinpaarhufer wird die Verwurzelung der Grasnarbe gestärkt. Das festigt den Boden und schützt ihn bei Starkregen vor Abtrag. Im Winter dient das kurzgefressene Gras zudem dem Schutz vor Lawinen.
Gleichzeitig steht die Almwirtschaft vor neuen Herausforderungen – vom Klimawandel bis zur Rückkehr großer Beutegreifer. Herdenschutz ist im hochalpinen Gelände mit kleinen Herden nur schwer umsetzbar.
Der Aufenthalt auf der Alm ist für Schafe optimal. Ein Schaf will sich frei bewegen können und sucht seine Nahrung bevorzugt zwischen 2.000 und über 3.000 Metern. Im Hochsommer fressen die Tiere das Gras umso lieber, je kürzer es ist. Das Ötztal mit seinen hochgelegenen Weideflächen ist eine der besten Almregionen für Schafe, wenn nicht die beste weit und breit.
Thomas Griesser, Obmann der Schaf- und Ziegenzucht Tirol eGen, Umhausen

© Schaf- und Ziegenzucht Tirol eGen
Biodiversität & Futterqualität hängen zusammen
Bezüglich Biodiversität sind Schafe ebenfalls sehr nützlich. Das Abfressen dominanter Grasarten lässt seltenen Alpenblumen mehr Raum zum Wachsen. Zudem verfangen sich im Schafvlies Pflanzensamen, die zusätzlich durch die Klauen und den Kot der Tiere verteilt werden. So trägt die Beweidung maßgeblich zur außergewöhnlich großen Vielfalt an Gräsern und Kräutern auf den Almflächen bei.
Die damit einhergehende Futterqualität illustriert Griesser anhand eines eigenen Vergleichs: Von Lämmern aus demselben Geburtszeitraum wurde ein Teil am Hof belassen, wobei diese trotz Zufütterung ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr zunahmen. Während jene Lämmer, die auf die Alm kamen, oft nahezu doppelt so schwer wurden wie die daheim gebliebenen.
Von der vortrefflichen Tiernahrung zur vorzüglichen Speise für uns
„Das Tiroler Bergschaf, vor allem die Lämmer, wenn sie im Herbst von der Alm kommen, liefern ein Fleisch, das vom Muskelaufbau und der Faserung her das Beste vom Besten ist“, betont Thomas Griesser. Ein Befund, den Anna Grüner aus Sölden bestätigen kann. Nachdem ihr Vater Sigi Grüner ein begeisterter Schafzüchter ist, weiß auch sie von klein auf vom vielfältigen Nutzen der Tiere. Als gelernte Köchin und Hüttenwirtin der Rettenbach Alm gilt dies insbesondere in kulinarischer Hinsicht. Von den rund 80 weißen Tiroler Bergschafen aus eigener Zucht wird jährlich das Fleisch von 50 bis 70 für die eigenen Betriebe verarbeitet – und zwar Nose to Tail, wie sie hervorhebt.
Zur hohen Wertschätzung der Herkunft des Schafs- beziehungsweise Lammfleisches aus eigenem Haus kommt bei unseren Gästen eine ebenso große für unsere Verwendung von jedem Teil des Tieres hinzu. Ich finde es generell wichtig, dass man die Qualität des Tieres als Ganzes und nicht nur von bestimmten Einzelteilen zu schätzen lernt.
Anna Grüner, Hüttenwirtin der Rettenbach Alm, Sölden

Schafsspezialitäten auf der Alm & auf Hauben-Niveau
Entsprechend vielfältig präsentiert sich das Angebot an Köstlichkeiten. Auf der Rettenbach Alm werden die klassische Lammstelze sowie als Wochen-Specials rosa Gebratenes oder Geschmortes wie ein Lammbraten nach Omas Rezept kredenzt. Sehr gut verwenden lassen sich auch die Innereien, etwa als Beuschel, so die Hüttenwirtin. Besonders beliebt sind die Hauswürste und Kaminwurzen, denen der Anteil an Schafsfleisch eine vorzügliche Note verleiht. In der Küche des 5*-Hotels Bergland der Familie Grüner kommen die hauseigenen, stets frischen Produkte ebenfalls zum Einsatz. Somit auch in dem mit zwei Hauben prämierten Gourmetrestaurant „black sheep“. Passend zu dem originellen Namen wurde ein einzelnes schwarzes Schaf in die eigene Herde aufgenommen. Rund um die Rettenbach Alm erstreckt sich die Rettenbach Alpe als Weidegebiet der Familie Grüner. „Die Leute haben eine Freude, wenn sie von unserer Alm aus Schafe erblicken. Allerdings sind sie meistens höher und manchmal auch am Schwarzsee (auf ca. 2.800 m) anzutreffen“, erzählt Anna.
Daten zur Schafhaltung & Almbeweidung im Ötztal
Allein schon die Gemeinde Sölden nimmt mit 4.323,95 Hektar an standortangepasster Almbewirtschaftung Platz 1 in Österreich ein. Folgend weitere eindrückliche Zahlen:
- 230 Halter von Schafen im Ötztal inkl. Haiming
- 8.100 ganzjährig gehaltene Schafe
- rund 12.500 Schafe auf 40 Almen während der Sömmerung, davon zirka
- 6.700 aus dem Ötztal
- 2.900 aus Südtirol
- 2.900 aus anderen Regionen Tirols