Wenn Tourismus & Landwirtschaft zusammen­arbeiten

Erstveröffentlichung am 07. Juli 2026

Das Ganze im Blick

Des Vaterlandes Macht und Kraft, sie lieget in der Landwirtschaft“. Der historische Spruch ziert nicht ohne Grund die Fassade des Posthotels Kassl in Oetz. Für Hotelier Tobias Haid, der den traditionsreichen Betrieb zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern führt, ist diese Haltung mehr als nur Dekoration. Wertschätzung gegenüber den heimischen Bauern zeigt sich für ihn in erster Linie im Umgang mit den verwendeten Lebensmitteln aus. 

Alles verwerten

Daher wird ein konsequenter „Zero-Waste-Ansatz“ gelebt: Das Küchenteam verwertet alle Teile eines gelieferten Produkts. Statt nur edle Teilstücke zu bestellen, nimmt der Betrieb von den Bauern aus dem Tal oft ganze Rinder oder Lämmer ab.

Als Hotelier kann ich zwar die strategischen Vorgaben setzen, aber wie es in der Praxis umgesetzt wird, obliegt dem Team in der Küche. Da haben wir großes Glück. Unser Küchenchef Klaus Böck ist seit über 20 Jahren im Haus, selbst Schafbauer und verfügt über gute Kontakte zu den Landwirten im gesamten Ötztal.

Tobias Haid, Hotelier Posthotel Kassl, Oetz

asset_image

 

Diese Verwurzelung spiegelt sich auch auf der Speisekarte wider. Neben gängigen Gerichten finden sich dort traditionelle Raritäten wie „Schöpsernes“ vom Tiroler Berglamm, gebackener Kalbskopf oder Gerichte von der Leber. Interessant dabei ist das Gästeverhalten: Urlauber:innen schätzen vor allem die Qualität. Einheimische kommen oft gezielt für diese selten gewordenen Gerichte ins Restaurant. Gleichzeitig fragen Gäste immer öfter nach der Herkunft der Produkte. Selbst Menschen, die ihren Fleischkonsum ansonsten einschränken, greifen bei regionaler und tiergerechter Haltung gerne zu. Die Tourismusbetriebe dienen darüber hinaus als direkte Vermittler: Fragen Gäste nach kulinarischen Mitbringseln für zu Hause, empfiehlt das Team die Hof- und Bauernläden im Tal.

Was das Ötztal anders macht

Dass diese Regionalität kein leeres Werbeversprechen ist, zeigt eine Zahl: Das Ötztal hat die meisten „Bewusst Tirol"-Betriebe des Landes. Das Posthotel Kassl ist Teil dieses Netzwerks, das sich transparent dazu verpflichtet, nachweislich heimische Lebensmittel einzusetzen. Dahinter steht die kleinstrukturierte Landwirtschaft im Tal. Ihr Wert geht über die reine Produktlieferung hinaus. Die Bauern pflegen jene Almen und Bergwiesen, die das Ötztal als Destination überhaupt erst attraktiv machen. Für die junge Tourismusgeneration steht fest: Ohne die Leistung der Landwirte gäbe es weder diese Lebensmittelqualität noch die authentische Identität, mit der das Tal weltweit vermarktet wird.

Zusammenarbeit über den Tellerrand hinaus

Das Zusammenspiel der beiden Branchen greift auch abseits der Küche. Ein Beispiel für die funktionierende Synergie ist die Energieversorgung. Das Posthotel Kassl hat vor drei Jahren auf eine moderne Hackschnitzelheizung umgestellt. Die Hackschnitzel kommen unter anderem direkt aus der Nachbargemeinde Haiming. Durch die schweren Unwetter der vergangenen Jahre fiel in den heimischen Wäldern viel Schadholz an. Durch die Zusammenarbeit zwischen Forstwirtschaft und Hotellerie kann dieses Holz regional verwertet werden. Die Wertschöpfung bleibt im Tal, die Transportwege sind minimal.

Vernetzung fördert Verständnis

Damit aus Absichtsbekundungen handfeste Beziehungen werden, braucht es den direkten Austausch. Tobias Haid wünscht sich für die Zukunft eine noch intensivere Kommunikation aller Beteiligten, damit beide Seiten die Herausforderungen und Bedürfnisse des Gegenübers besser verstehen. Die Initiative „Lebensraum Ötztal" bringt Gastronom:innen und Produzent:innen zusammen. Schritt für Schritt entstehen so verlässliche Partnerschaften, die zeigen, dass Qualität und Verfügbarkeit zusammenpassen, wenn beide Seiten ehrlich miteinander reden.